Als ich noch ein Kind war, ist meine Mutter zweimal im Jahr mit mir und meinem kleinen Bruder in die Stadt gefahren, um den Einkauf für Bekleidung zu erledigen. Wir sind dazu immer nach Ludwigshafen gefahren. Die Fahrt mit dem Auto hat sehr lange gedauert, aber ein paar Kilometer vor Ludwigshafen wurde die Autobahn dreispurig und das war für mich immer wahnsinnig aufregend. Unser Dorf hatte ungefähr 700 Einwohner. Für mich war eine Großstadt wie Ludwigshafen eine völlig andere Welt.
Mama parkte das Auto immer unter der Hochstraße. Eine Hochstraße, unglaublich! Eine Straße, die über die Stadt drüber gebaut ist. Meistens haben wir im C&A eingekauft. Wir waren den ganzen Tag im Kaufhaus und mussten zwischendrin an der Kasse oft Tüten zurücklegen. Wenn mein Bruder eingekleidet wurde, bin ich die ganze Zeit Rolltreppen gefahren. Hoch und wieder runter, hoch und wieder runter, hoch und wieder runter. Treppen, die man nicht laufen mußte, man stellte sich darauf und den Rest machte die Treppe ganz allein. Solche Sachen gab es bei uns auf dem Land nicht. Wenn wir Kinder brav waren, ging Mama manchmal mit uns nach dem C&A noch in die Kaufhalle gegenüber. Die Kaufhalle war ein rundes Gebäude und hatte im Untergeschoss eine Spielzeugabteilung. Die Spielzeugabteilung war so groß, dass man gar nicht wußte, wohin mit sich.
Vor vier Jahren wurde die schöne Tortenschachtel leider abgerissen, damit man irgendein neumodisches, seelenloses Gebäude bauen konnte. Gebaut wurde bislang aber noch gar nichts und seit dem Abriss liegt das Grundstück im Zentrum von Ludwigshafen brach. Gerade erst vor ein paar Monaten wurde auch der C&A abgerissen. Das alte Kaufhaus weicht einem Neubau der Zentrale des kommunalen Energieversorgers Pfalzwerke. Aber immerhin gibt es den Parkplatz unter der Hochstraße noch. Die Hochstraße selbst ist aber mittlerweile sanierungsbedürfig und wurde letzten Monat aus Sicherheitsgründen für den Autoverkehr komplett gesperrt, was der Region gerade viele Sorgen macht.
Die Orte meiner Kindheit, sie verschwinden.