Zimtwolke

  • 9. Januar 2019

    Ich gehöre zu denjenigen Leuten, die sich ein Datum im Kalender eher schwer merken können. Als Jugendlicher war ich deswegen sehr von meinen Tanten und Onkels beeindruckt; die wußten beispielsweise immer ganz genau und wie aus der Pistole geschossen, wer in der Familie wann Geburtstag hatte. Ich hingegen konnte mir den Geburtstag von Mama eigentlich nur merken, weil sie am gleichen Tag Geburtstag hatte wie Axl Rose. Heute muss man sich die Geburtstage zum Glück ja nicht mehr merken, die stehen jetzt alle im Smartphone.

    Man kann aber leider nicht alle Datümer im Smartphone nachgucken (ja, ich weiß, der Plural von Datum ist Daten; das fühlt sich aber erstens im Bauch voll komisch an, zweitens verbinde ich damit „andere“ Daten). In diesen Fällen versuche ich mir die zeitliche Verdrahtung meistens mit Hilfe von Assoziationen zu merken. Zum Beispiel habe ich mich von meiner ersten großen Liebe im gleichen Jahr getrennt, wo ich mit dem Zivildienst angefangen hab. Oder meine Berufsausbildung habe ich in dem gleichen Jahr begonnen, wo der 11. September geschah.

    Aber es gibt auch noch andere Brücken. Wenn ich beispielsweise wissen möchte, wie lange ich schon in Mannheim wohne, zähle ich immer Bewohnerparkausweise.

    13 Bewohnerparkausweise Mannheim

    13 Bewohnerparkausweise, einen Ausweis abziehen, weil das Jahr gerade erst angefangen hat, also wohne ich schon 12 Jahre in Mannheim.

  • 7. Januar 2019

    Eine nahestehende Freundin war über den Jahreswechsel auf einer mehrwöchigen Fernreise. Weil wir oft miteinander die Zeit vertreiben, erkundigte ich mich im Vorfeld über die Länge ihrer Abwesenheit.

    Ich: Wie lange bist du in Urlaub?
    Sie: Bis 6. Januar.

    Was ich verstanden habe:

    Zeitstrahl (was ich verstanden habe)

    Was sie gemeint hat:

    Zeitstrahl (was sie gemeint hat)

  • 6. Januar 2019

    Das Lieblingsessen meines Patenkinds ist Nudelauflauf mit Brokkoli. Zu seinem letzten Geburtstag bekam es natürlich abends von der Mama sein Lieblingsessen zubereitet und das Kind freute sich sehr darauf. Zum Abendessen war auch die nähere Familie eingeladen.

    Also sassen wir alle am Tisch und in der Mitte stand ein Nudelauflauf. Nudelauflauf mag ich total gerne, aber Brokkoli mag ich leider überhaupt nicht. Also nur in gewissen Darreichungsformen, aber nicht in dieser halt. Gegrillt kann ich Brokkoli schon essen, aber gekocht geht gar nicht. Es ist halt kompliziert zwischen mir und den Lebensmitteln. Deswegen habe ich auf meinem Teller den Brokkoli an die Seite geschoben und mich einfach auf die Nudeln konzentriert.

    Plötzlich begann aus heiterem Himmel das Kind heftig zu weinen. Eine Ursache war direkt nicht auszumachen. Wir schauten uns alle verwundert an und niemand wusste, was los war. In so einer Situation bekommt man teilweise wirklich einen Schreck, weil man befürchtet, eine Gefahr zu übersehen, auf welche man schnell reagieren müsste.

    „Kind, was ist denn los?“, fragte die Mama.
    „Marco isst seinen Brokkoli nicht!“, sagte das Kind.

    Es folgten lange und ausführliche Erklärungen, dass jeder Mensch bestimmte Lebensmittel mag und nicht mag. Aber für das Kind war es einfach unverständlich, wie es denn sein könne, dass man Brokkoli nicht mag. Ein Ding der Unmöglichkeit! Diese Situation hat meine bislang ausgesprochen gute Beziehung zum Kind tatsächlich nachhaltig verstimmt. In der darauffolgenden Zeit begegnete mir das Kind leicht distanziert und es brauchte viele, viele Beschäftigungsstunden bis das Trauma überwunden war.

    Brokkoli

  • 1. Januar 2019

    Zwischen den Jahren bin ich versehentlich ins Zauberei-Business gewechselt und das kam so: Es war später Nachmittag, ich verbrachte die Zeit mit der Familie und man musste so langsam an das Abendessen denken. Damit man bei der Zubereitung in der Küche aber seine Ruhe hat, muss immer jemand das Kind beschäftigen. Meistens bekomme ich diese Aufgabe zugeteilt (so gut kann ich kochen).

    Also worauf hat das Kind Lust? Malen? Nö! Elsa Videos auf YouTube gucken? Nö! Brettspiel spielen? Nö! Basteln? Auja! Also suchte ich auf YouTube irgendwelche Bastelvideos. Bei der Recherche sprang mir dann aber ein Video ins Auge, in dem allerlei Zaubertricks erklärt wurden und das hat uns spontan viel mehr interessiert. Jedenfalls haben wir kurzerhand beschlossen, das Handwerk der Zauberei zu lernen.

    Als ersten Schritt mussten wir die nötigen Requisiten im Haushalt zusammen suchen (damit war das Kind auch schon gut beschäftigt) und ein paar Hilfsmittel zusammenbasteln. Dann haben wir den Zaubertrick einstudiert. Nachdem der Effekt reibungslos funktionierte, ging das Kind zum Rest der Familie und hat den Zauber vorgeführt (und leider immer auch stolz erklärt, wie der Trick im Detail funktioniert, was man natürlich niemals machen darf).

    Jedenfalls ist das Kind seitdem Feuer und Flamme und ich hab keine Ruhe mehr; muss jetzt ständig neue Zaubertricks einstudieren und danach meinem kleinen Zauberlehrling beibringen.

  • 30. Dezember 2018

    Vor Kurzem rauschte ein Tweet durch meine Timeline mit Verweis auf einen Artikel bei der BILD. Die BILD Zeitung gehört jetzt zwar nicht zu meinen bevorzugten Medien, aber weil das Thema mein Interesse weckte, klickte ich auf den Link. Es öffnete sich der Browser und statt des erwarteten Beitrags wurde folgende Nachricht angezeigt.

    Adblocker BILD Zeitung

    Normalerweise ist mit einem Adblocker-Block bei mir sofort der Ofen aus. Ich verstehe zwar die dahinterstehenden Belange, Sorgen und Konflikte in Zeiten, in denen dem Journalismus das langjährige Geschäftsmodell wegbricht und noch keine neue akzeptiere Alternative gefunden; einen Besucher (aus welchen Gründen auch immer) zu blocken, das geht mir aber zu weit. Weil ich jedoch in diesem Moment scheinbar nichts wichtiges zu tun hatte, schaltete ich den Adblocker ausnahmsweise temporär aus und lud die Seite neu. Danach erschien jedoch wieder nicht der gewünschte Beitrag, sondern folgende Meldung.

    Paywall BILD Zeitung

    Ich fühlte mich dann schon etwas verschaukelt.
    Was denken sich hier die Verantwortlichen nur dabei?

  • 27. Dezember 2018

    Also ich habe das Telefonieren noch so gelernt, dass man das Smartphone hochkant seitlich an den Kopf hält. Das Smartphone ist konzeptionell auch auf diese Haltung ausgelegt. Oben im Gerät befindet sich der Lautsprecher und unten ein Mikrofon. Beim Telefonieren ist der Lautsprecher somit in Höhe der Ohren und das Mikrofon in der Nähe des Mundes. Auch die Hörer von herkömmlichen Telefonen sind so gebaut.

    In letzter Zeit sieht man aber immer öfter Menschen, die ihr Telefon ganz anders halten. Zum Hören hält man jetzt scheinbar das Smartphone waagrecht ans Ohr. Und zum Sprechen wird das Smartphone waagrecht vor den Mund gehalten. Und wenn man zwischen Sprechen und Hören im Gespräch wechseln möchte, muss man natürlich entsprechend die Positionen verändern.

    Telefonieren 2.0 - Hören
    Telefonieren 2.0 - Sprechen

    Ich habe mich lange gefragt, was machen die da? Snapchatten, Voice Messages verschicken und abhören oder ist vielleicht nur die Person etwas verwirrt? Aber scheinbar hat sich die Art und Weise wie man heutzutage telefoniert geändert (und mir hat mal wieder niemand Bescheid gesagt). So richtig verstehen tue ich das aber nicht, weil mir das doch sehr umständlich vorkommt. Also wenn mich hier jemand aufklären könnte, was das Ganze soll, und worin der Vorteil besteht, wäre ich sehr dankbar.

  • 25. Dezember 2018

    Im Urlaub fahre ich recht selten mit der Straßenbahn. Das liegt hauptsächlich daran, dass ich voll der Stubenhocker bin und die Wohnung nur im Notfall verlasse. Im Alltag dagegen bin ich ständig mit der Straßenbahn unterwegs, meistens auch mehrmals am Tag. Letztens hatte ich auf einer Fahrt wieder ein sehr interessantes Erlebnis.

    Ich war gerade auf dem Weg zu einem außerhalb liegenden Projektbüro und saß in Fahrtrichtung auf einem dieser Sitze für zwei Personen. In der Stadtmitte von Mannheim stieg eine ältere Dame zu und setzte sich neben mich. Ich nahm kurz Notiz von ihrer Anwesenheit und blickte danach wieder aus dem Fenster. Plötzlich begann die ältere Dame frei geradeaus zu sprechen, obwohl kein Gesprächspartner in ihrer Nähe war.

    „Letzte Woche ist die Frau von Hans gestorben.“
    „Das Alter bringt besondere Herausforderungen mit sich.“
    „Nein, ich mag das nicht.“
    „Helena liegt immer noch im Krankenhaus.“
    „Morgen kommt endlich der Handwerker.“

    Oh Gott oh Gott!!! Die Frau halluzinierte. Ich bekam einen Schreck. Was macht man in so einer Situation? Muss man da überhaupt was machen? Und wenn ja, was? Die stabile Seitenlage hilft da ja nicht weiter! Obwohl ich schon erwachsen bin, hatte ich überhaupt keinen Plan. Ich blickte in der Straßenbahn umher. Die anderen Passanten schienen sich an der Situation nicht zu stören. Niemand nahm Notiz von der halluzinierenden Oma. Komisch! Ich überlegte. Eigentlich sind diese Illusionen ja nicht dramatisch. Jedenfalls kommt dabei niemand zu Schaden. Warum also die Oma nicht einfach weiter herumhalluzinieren lassen, wenn das Halluzinieren der Oma die Zeit vertreibt. Also tat ich so als wäre nichts, blickte aus dem Fenster und hörte der Oma weiter zu.

    „Die Beerdigung ist am Donnerstag.“
    „Ich würde gerne mal wieder ins Theater.“
    „Den Hans-Jürgen habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“
    „Gerhard pflegt seine Frau.“
    „Ich muss später noch Einkaufen gehen.“

    Ein paar Haltestellen weiter stand die Dame auf, drehte sich um und lief zum hinteren Ausgang in der Straßenbahn. Dabei mir fiel auf, dass Sie einen kleinen Bluetooth-Kopfhörer im anderen Ohr trug, mit dem sie scheinbar die ganze Zeit über telefoniert hat. Nach dieser Erkenntnis kam ich mir mal wieder sehr intelligent vor.

    Oma mit einem Knopf im Ohr

  • 20. Dezember 2018

    In der Großstadt herrscht immer Lärm. Der Verkehr, die vielen Autos, die summenden Straßenbahnen, die ratternden Züge. Ständig hört man Sirenen. Überall sind Menschen und alles ist voller Stimmen. Selbst in der Nacht hängt immer ein Rauschen über der Stadt. An Feiertagen senkt sich zwar spürbar der Pegel, aber niemals ist alles still. Immer ist ein Geräusch da.

    Obwohl ich auf dem Dorf aufgewachsen bin, habe ich den Lärm in der Stadt nie richtig wahrgenommen. Die Geräusche sind Teil der Kulisse und unabdingbar im Wesen der Stadt enthalten. Eine Stadt ohne Geräusche ist ein Zuhause für Geister. Der Pegelausschlag ist wie Spiegel und Herzschlag ihrer Lebendigkeit. Jedenfalls empfand ich den Lärm nie störend oder belastend.

    Stadtlärm (Geräusche in der Stadt)

    Im Laufe des zurückliegenden Jahres habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, des öfteren einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Dabei hörte ich meistens einen Podcast. Als Kopfhörer nutze ich in der Öffentlichkeit immer die AirPods von Apple, weil die nicht so klobig und auffällig sind. Die AirPods haben jedoch einen Nachteil. Sie besitzen kein Noise Cancelling, was bedeutet, die Audiospur der realen Umgebung bleibt erhalten.

    Aus diesem Sachverhalt heraus ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie laut eigentlich die Stadt ist. Dauernd steht man an einer lauten Kreuzung. Dauernd fährt ein Krankenwagen mit Sirene vorbei. Dauernd habe ich im Podcast kein Wort mehr verstanden und musste zurückspulen (Wie sagt man da eigentlich heute? Zurückspulen ist ja eigentlich nicht mehr richtig).

    Dieser Prozess der Bewusstwerdung hat mich irgendwie beeindruckt. Durch das Hinzufügen von weiteren Geräuschen (konkurrierender Lärm) wurde die Lautstärke transparent.

  • 17. Dezember 2018

    Letztens habe ich mich mit meinen Geschwistern über Handtaschen und die darin befindlichen Dinge unterhalten. Der Inhalt einer Handtasche ist bekanntlich eine recht persönliche Angelegenheit und es ist natürlich wahnsinnig interessant zu erfahren, was andere Menschen so mit sich herumtragen. Als ich dann ganz unspektakulär erwähnte, dass ich auch immer einen Schnürsenkel in der Handtasche habe, lagen meine Geschwister lachend unter dem Tisch, und ich konnte mich im Anschluss nicht mehr normal mit ihnen unterhalten.

    Ich kapiere überhaupt nicht, was an diesem Sachverhalt so lustig ist. Den Schnürsenkel habe ich natürlich aus rein pragmatischen Gründen dabei (weil mir halt oft beim Schnüren der Schuhe ein Schnürsenkel reißt). Das passiert leider alle paar Wochen immer mal wieder. Bei meinen Geschwistern würde das angeblich nie passieren (was ich auch nicht kapiere).

    Wenn der Schnürsenkel reißt, befindet sich der Riss meistens an der letzten Schnüröse (so nennt sich das Loch, wo man den Schnürsenkel immer durchmacht). Das Problem ist jetzt, dass sich die Länge des Schnürsenkels durch den Riss geschätzt um ein Viertel reduziert. Theoretisch könnte man damit den Schuh immer noch ganz normal binden, wenn man ein oder zwei Ösenpaare überspringt. Dazu müsste man allerdings den Schnürsenkel komplett ausfädeln und wieder neu einfädeln, was aber nicht geht, weil bei der gerissenen Seite die Pinke (das Ding zum Einfädeln) fehlt und das Senkelende total ausgefranst ist, und man damit den Senkel nicht mehr durch die Ösen bekommt (sehr kompliziert das alles). Also muss man sich etwas überlegen! Für solche Situationen benutze ich meistens folgende provisorische Schnürtechnik.

    Wie man seine Schnürsenkel bei einem Riss schnüren kann

    Der Vorteil ist, dass man den Schnürsenkel nicht komplett aus- und wieder einfädeln muss, sondern eigentlich nur die gerissene Seite bis zur ersten Öse ausfädelt und dann den Schuh wieder binden kann. Ich bilde mir manchmal ein, dass mit dieser Schnürmethodik der Schuh sogar ein bisschen besser sitzt. Wenn der Schnürsenkel dann allerdings ein weiteres Mal reißt, gibt es keine Rettung mehr, dann braucht man einen neuen Schürsenkel. Und genau deswegen habe ich stets einen Ersatz-Schnürsenkel in der Handtasche.

    Mal was Neues ausprobieren!
    8 verschiedene Methoden, wie man seine Schuhe schnüren kann.
    ;-)
  • 4. September 2018

    Vor zwei Wochen bekam ich den Auftrag ein Projektvorhaben auszuarbeiten. Nachdem ich einen ersten Entwurf der Dokumente hatte, vereinbarte ich einen Termin mit dem Kunden, um die Planung zu besprechen. Zum Termin hatte ich noch zusätzlich einen Vertreter aus dem Controlling eingeladen.

    Ich: Bevor ich den Projektantrag aufsetze, möchte ich vorher Zeitplan und Kosten des Vorhabens mit Ihnen abstimmen.
    B und C: Prima.
    Ich: Also das ist die Kalkulation hier, im oberen Teil stehen die organisatorischen Kosten in Ihrer Organisation und im unten Teil die IT-Kosten seitens des Dienstleisters. Die Kosten innerhalb Ihrer Organisation gehören jedoch formal ebenfalls zu den Projektkosten.
    B: Klingt schlüssig!
    C: Wollen wir uns nicht dutzen?
    Ich: Gerne.
    C: Wu kummschn du her?
    Ich: Aus Altdorf, des is in de Näh vun Neischtadt.
    C: Habischs doch gewisst. Isch erkän n’Pälzer uf 100 Meder.
    Ich: Ich wohn jetzt awer driwe.
    C: Des is jo net so gud.
    Ich: Alahop! Und donn habisch noch Reisekoschde veroschlacht, aber Kontinschensi habich weggelosse.
    C: Wo sinnen die Koschde fum Uftrachgewer in de Räschnung?
    Ich: Die habisch do hinne in die Koschdeposition neu.
    C: Ah jetzert du ichs versteh. Wonn willschn de Otrach abgewe?
    Ich: Meue bin ich noch bei Feinänce, aber wenn alles gud laft, vielleicht ofang nägscht Woch. Kummt halt druf o, wie schnell ich die Leit krig.
    C: Ofang nägscht Woch mist noch reische.
    B: *sagtnixmehr*